Alter – reif oder dement?

Was kann ich tun, um würdevoll zu altern?

Vor einiger Zeit habe ich, wie so oft, ein Seminar in einer Pflegeeinrichtung gegeben, und ich nutzte die Gelegenheit um mit einem älteren Herrn von 81 Jahren ins Gespräch zu kommen. Er nahm sich für mich Zeit und erzählte mir viele interessante Geschichten vom Krieg und wie er es geschafft hat, trotz der vielen schlimmen Bilder und Gefühle sein Leben aufzubauen. Er wurde ein wenig traurig. Er sei mit seiner Frau hier in das Heim eingezogen, weil sie dement war und es zu Hause nicht mehr zu organisieren war mit ihr, berichtete er. Sie hatte einfach alles vergessen; auch ihn und ihr gemeinsames Leben. Als sie dann vor drei Jahren starb, ist er einfach wohnen geblieben im betreuten Wohnbereich des Hauses. Doch oft sitzt er stundenlang nur da, denkt, grübelt, schläft, braucht einfach Ruhe!

“Und dann”, sagt er, “war ich auf einmal alt. Ich weiß nicht ganz genau ab wann das so war. Ich glaube, irgendwann hat man mich nicht mehr ernst genommen! Alle um mich herum reden mit mir, als ob ich ein wenig dumm sei. Wie mit einem kleinen Kind. Dabei bin ich nicht dumm und habe noch so viel mitzuteilen, meine Erfahrungen, mein Leben, es war doch nicht sinnlos!”

Was bedeutet es alt zu sein?

Warum tun wir uns so schwer mit dem Thema „Altwerden“? Ich denke, wir können vieles in unserem Leben lernen und an Andere weitergeben. Aber ausgerechnet das Altwerden können wir nicht lernen, sondern müssen es selbst erfahren. Wir haben eine klare Vorstellung von dem, was wir im Alter nicht wollen: Langeweile haben, einsam sein, nicht gebraucht werden, nicht ernstgenommen werden, alleine sein, abhängig sein, bedürftig sein, krank sein.

Aus unseren bisher gemachten Lebenserfahrungen und Beobachtungen stricken wir uns für unser Alter eine Perspektive, die uns vor diesen Damoklesschwertern schützen soll. Intensiver Sport, von Wandern über Fahrradfahren bis hin zu Extremsportarten, soll die Leistungskraft unseres Körpers stärken. Reisen sollen unsere Flexibilität erhalten. Gehirnakrobatik, Sudoku, Kreuzworträtsel sollen die grauen Zellen aktiv halten und Vitaminshakes und Aufbaupräpaprate den Körper von innen stärken. Lifting nimmt uns die äußere Sichtbarkeit des Alters, und der Vergleich mit den Reichen und Berühmten dieser Welt spornt uns an. Das Fernsehen und Internet ist voll von Fotos, Filmen und Berichten und zeigt immer neue Ideen in diese Richtung. All das tun wir ausschließlich, weil wir eigentlich eine riesengroße Angst vor der Vergänglichkeit und dem Tod haben.

Das Einzige, das sicher ist

Der Tod ist die einzige Sicherheit, die wir haben, sobald wir geboren sind. Wir wissen, wenn wir auf die Welt kommen nicht, was auf uns zukommt, was wir erleben werden, wem wir begegnen, wie erfolgreich wir sein werden, ob wir krank werden, ob wir lieben, lachen oder weinen werden, aber wir wissen mit 100% iger Sicherheit, dass wir irgendwann sterben werden. Zu diesem Thema gibt es natürlich sehr viele schlaue Sprüche. Aber meine intensive Beschäftigung mit dem Thema Tod in meinen Seminaren und Beratungen hat mir immer wieder eindrücklich gezeigt, dass ein Mensch nur richtig in seinem Leben ankommen kann, wenn er seine Endlichkeit, also den Tod, angenommen hat. Viele Menschen, die eine Nahtoderfahrung machen durften oder eine schwere Krankheit aus eigener Kraft überwunden haben, zeigen und beschreiben dies deutlich. Es gibt jedoch auch andere und praktische Wege, in seinem Leben richtig anzukommen und es in vollen Zügen, bewusst bis zum Schluss zu genießen. In unserer Kultur fehlen leider hilfreiche Ansätze, das Leben als Gesamtkunstwerk zu betrachten. Ich möchte Dir hier die Sicht auf das Leben aus den komplexen Erkenntnissen der Heilenergetik zeigen.

Ganzheitliche Sicht 

In der Heilenergetischen Arbeit betrachte ich das menschliche Leben ganzheitlich mit allen Facetten, die uns das Leben von Geburt bis zum Tod zeigen will. Auch wir als Mensch sind fraglos eingebunden in das ständige Werden und Vergehen auf diesem Planeten, und wenn wir diese Tatsache erkennen und annehmen können, können wir uns entspannt zurücklehnen und das Leben in vollen Zügen genießen!

Stell Dir einen kleinen Apfelkern vor. In diesem sind alle Informationen für einen neuen kleinen Baum gespeichert. Legst Du ihn in die Erde und mit Sonnenschein, Wasser und den entsprechenden Mineralien aus dem Boden wird aus ihm ein Sprössling und später ein Baum, der selbst Früchte trägt, die wiederum Kerne in die Welt bringen. Wenn wir uns auf einen reifen Apfel freuen, dann sprechen wir von dem Apfel als knackige Frucht, den wir im Sommer genussvoll ernten können. Ich sehe, dass die eigentliche Reife des Apfels zu diesem Zeitpunkt erst beginnt. Er hat so viele Informationen in seinem Fruchtfleisch gesammelt, die er jetzt in seinen Kernen verinnerlicht. Der Apfel selbst schrumpft, verliert an Knackigkeit und Saft und steckt seine ganze Energie in seine Kerne. Dann ist er reif, nämlich reif, um mit seinen Kernen den Zyklus von Werden und Vergehen am Laufen zu halten.

Und wir als Mensch? Auch wir beginnen unser Leben als kleines Wesen und benötigen, wie der Apfelkern, die passende Umgebung um richtig gedeihen zu können. Wir sammeln mit den Menschen und durch die Ereignisse im Leben unsere Erfahrungen, lernen, werden erzogen und bekommen von unseren Eltern und der Familie alle Informationen, um nach und nach immer stabiler und später alleine im Leben stehen zu können. Wir nehmen all das auf, was unsere Eltern für wichtig und sinnvoll halten und speichern es ab, um bei Gelegenheit darauf zugreifen zu können. Vieles davon ist wirklich wichtig, aber so manches sind auch schmerzhafte und verletzende Dinge die wir mitnehmen. Sind wir dann erwachsen, können wir zunächst aus dem Vollen schöpfen. Im besten Fall wissen wir genau was unser Potenzial ist und wir verdienen Geld, gründen eine Familie und machen Karriere.

Für mich ist das, übertragen, der Zustand des knackigen Apfels, den wir gerne verspeisen! 

Oftmals kommen wir aber im Laufe des Lebens in Krisen. Wir werden krank, haben Probleme mit Mann, Frau oder den Kindern, kommen mit den Finanzen nicht klar, rutschen ins Burnout, eine Depression oder erleben, um es umfassend auszudrücken, die sogenannte Midlife-Crisis. Dann ist der Moment gekommen, in dem sich unser Leben neu entscheidet. Erkennen wir jetzt die Chance der Entwicklung?

Entwicklung würde aus heilenergetischer Sicht bedeuten, sich die alten Erfahrungen und die eigene Biografie einmal genauer anzuschauen. Nichts im Leben geschieht sinn- oder zwecklos! Immer gestalten wir unser Leben aufbauend auf den erlebten Erfahrungen und Glaubenssätzen. Haben wir also eine Krise, gleich welcher Art, gibt es dazu eine Geschichte im eigenen Leben, die die Grundlage und gleichzeitig Ursache dazu ist. Oder aber wir sehen das Leben statisch, so als ob alles reiner Zufall ist. Wenn wir erfolgreich sind, alles gut läuft und viel Geld verdienen, schreiben wir uns das auf das Konto: Ich hab’s halt drauf, und weil ich so fleißig war, ernte ich jetzt den Erfolg!

Wenn wir aber im Beruf eine Entlassung erleben, die Partnerin sich trennen will, der Schuldenberg wächst, dann haken wir das Thema lieber ab als: Die Frau war eh nix für mich, der Chef mochte mich noch nie, und alle Bänker sind sowieso Halsabschneider!  Wie wäre es, wenn wir auch in diesen Fällen sagen: Ich habs halt drauf und weil ich so bin wie ich bin ernte ich jetzt den Erfolg!

Wenn wir auf diese Weise auf unser Leben schauen, werden wir sehr schnell grundlegende Muster in unserer Biografie erkennen. Die Dinge, die wir jetzt gerade in unserem Leben erleben, geschehen nicht zufällig, sondern wir haben früh in unserer individuellen Lebensgeschichte bereits die Grundlagen für unser späteres Leben gesetzt. Zum Beispiel durch Verletzungen und Ereignisse, die uns blockiert haben. Wir können diese alten Ereignisse fühlen und schauen, woher wir sie in unserer Lebensgeschichte kennen. So ist dann vielleicht der Schmerz, dass die Frau uns verlässt, bekannt aus unserer Kindheit, als Vater und Mutter sich getrennt haben. Der Schmerz sitzt an der gleichen Stelle im Körper und ist genauso stechend wie damals. Dann könnte man die damalige Wut auf die Mutter fühlen, ihr verzeihen und in Frieden mit ihr und sich selbst kommen. Der Verlassenheitsschmerz mit der Frau wird verständlich und kann sich durch die Bearbeitung lösen und in Folge kann man sich wohlwollend in gegenseitiger Achtung trennen.

Immer und ausnahmslos ist es so, dass unser Gefühle, die wir jetzt im Augenblick fühlen, alte Emotionen aus unserer Kindheit anstoßen. Wir fühlen nie neu! Wenn wir die ursächlichen Verletzungen klären, werden wir nach und nach heil. Wir entwickeln uns, lernen aus dem Erlebten und reifen daran, statt im bloßen Vorwurf und in Projektionen des eigenen Schmerzes auf andere Personen stecken zu bleiben.

Das Leben ist mehr als eine Aneinanderreihung von Zufällen! Wir können unser eigenes Leben zu einem kreativen Kunstwerk gestalten, wenn wir erkennen, dass wir selbst die Gestaltungskraft und die Verantwortung für unser Leben in uns tragen.

Wir erkennen unseren roten Faden in unserer Lebensgeschichte, wir reifen und wandeln die gemachten Erfahrungen in neue Lebenskraft und werden so zu einem Menschen, von dem die Jungen gerne etwas hören wollen, weil wir authentisch werden. Wir erkennen nach und nach den Sinn im Leben und unsere spezielle Aufgabe, wir werden milde und betrachten die Ereignisse der Welt mit Weitsicht und Geduld. Und vor allem: Wir brauchen unser Leben dann nicht vor lauter Schmerz vergessen.

Und zum Schluss: Der Apfel macht sich keine Gedanken, er reift einfach und gibt sich dem Lauf der Welt hin. Wir als Mensch aber haben die Möglichkeit und Freiheit, durch und mit unserem Bewusstsein eine Entscheidung zu treffen.

Ist das nicht wundervoll? Worauf warten wir also noch?

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